Joe
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Orchideenkultur in Polystyrol (hier Styrowoll)
Ein befreundeter Orchideenliebhaber pflegt einen Teil seine Orchideen schon seit einigen Jahren in Styrowoll. Auf meine Bitte hin war er so nett, mir seine Erfahrungen mitzuteilen, die ich in einen kleinen Artikel zusammengefasst habe:
Allgemeines
Egal ob Styropor(C), Styrowoll, Orchid-Chips oder Styromull zur Anwendung kommen, immer ist Polystyrol der Kunststoff , der sich hinter diesen Bezeichnungen verbirgt. Chemisch gesehen ist es das Polymer des Styrols, welche auf vielerlei Weise polymerisiert werden kann (meist radikalisch). Orchid-Chips sind Styropor(C)-Bruchstücke. Sie werden im Fachhandel für Orchideenzubehör angeboten und meist nur als Zuschlagsstoff für das normale Orchideensubstrat eingesetzt. Die Kultur in Styrowoll ist eine von Gerhard Bomba entwickelte Methode. Hier kommt das Polystyrol in reiner Form zum Einsatz, also ohne organische Bestandteile wie z.B. Rinde.
Die Vorteile
- Ein zu starkes Giessen der Orchideen ist nicht mehr möglich.
- Es ist sehr strukturstabil, damit ist das Umtopfen nur nötig, wenn die Pflanze für den Topf zu groß geworden ist.
- Es nimmt keine Salze auf.
- Es ist meist preiswert und kann selbst „hergestellt“ werden.
- Styrowoll bietet eine gute Basis für die Automatisierung der Orchideenkultur.
Wo man aufpassen muss
- Pflanzen die in Polystyrol kultiviert werden, haben eine schlechte Standfestigkeit, da der Kunststoff deutlich leichter ist als normales Substrat. Dies lässt sich mit Hilfe von Steinen und Stützen aber leicht beheben.
- Die Methode Bedarf einiger Erfahrung im Umgang mit Orchideen und die Disziplin, sich an Konzentrationen und Fristen zu halten.
- Es muss gerade in Wohnungen meist häufiger gegossen werden, als bei der Kultur in Rindensubstraten.
- Es kommt leicher zur Überdüngung, wenn man sich nicht genau an die für eine Orchidee verträglichen Konzentrationen hält. Deshalb ist eine genaue Dosierung des Düngers wichtig.
Gerade also für Orchideen die selten durch Umtopfen gestört werden wollen, ist diese Methode interessant.
Anwendung
Styrowoll kann man sich leicht selbst herstellen, indem man unbehandelte Isoliertapete mit einem Aktenvernichter in 2 mm breite Streifen schneiden lässt. Leider ist die geeignete Isoliertapete (2mm Dicke) manchmal gar nicht so leicht zu bekommen, deshalb sollte man sich bevorraten, wenn man sie (z.B. im Baumarkt) bekommt. Die Länge der Streifen sollte unterschiedlich sein. Auf diese Weise entsteht ein an Wolle erinnernder Pflanzstoff, der das Wasser besser hält als Orchid-Chips und anderes Styropor(C). Ich habe das Styrowoll immer zunächst mehrere Stunden (sogar Tage) in Wasser eingelegt. Dadurch lässt es sich besser im Topf unterbringen und ist nicht mehr so störrisch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Orchideen in Styrowoll auch im Wintergarten oder auf der Fensterbank pflegen kann, allerdings sollte der Raum nicht sehr warm sein, sonst trockenen die Pflanzen zu schnell aus und man ist ständig am Giessen. Styrowoll kann das Gießwasser nicht wirklich halten. Es setzt sich nur in den Zwischenräumen der einzelnen Streifen fest. Noch ein Tip aus der Praxis: Um das Umkippen der durch das Styrowoll sehr leicht gewordenen Töpfe zu verhindern, sollte man auf den Grund des Topfen einen flachen Stein legen.
Für die Umstellung auf Styrowoll gilt das gleiche wie für das normale Umtopfen: auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an. Die Wurzeln sollten gerade mit ihrem Wachstum beginnen, dann vertragen sie den Umstieg am besten, weil sich die neuen Wurzeln gleich an das neue Medium gewöhnen können. Nach dem Umtopfen brauchen die Pflanzen oft noch eine Stütze in Form eines Holzstabes, dies bessert sich aber mit der Zeit und die Stütze kann entfernt werden.
Die Pflege
Die Pflege in Styrolwoll ist anders, aber nicht schwieriger als in normalen Rindensubstrat. Beachtet man die Besonderheiten in der Kultur, treten keine Probleme auf:
Leider sieht man es Styrowoll nicht an, ob die Pflanze gegossen werden muß oder nicht, es sieht immer irgendwie trocken aus. Auch das bewährte Anheben des Topfes macht keinen Sinn. Mit einem Finger kann man die Feuchtigkeit aber prüfen, wenn man ihn ein Stück in das Styrowoll steckt. In meinem temperierten Wintergarten müssen die Töpfe im Winter alle 4 Tage und im Sommer alle 2 Tage gegossen werden. Wie schon erwähnt: ein zuviel ist nicht möglich, da überschüssiges Wasser nicht gehalten wird und keine Staunässe entstehen kann. Das Wasser steht immer gleichmäßig zur Verfügung, wenn die Töpfe feucht gehalten werden. Hier spielt Styrowoll seine Vorteile aus. Versuche im warmen Bereich brachten bei mir keine guten Ergebnisse, da man jeden Tag hätte Giessen müssen und dazu fehlt mir die Zeit. Gegossen wird immer sehr intensiv, überschüssiges Wasser läuft sehr schnell aus dem Topf, man könnte sagen es schießt durch. Ich verwende zum Giessen ein Wasser mit einer Leitfähigkeit von ca. 400 µS, dies wird von den Orchideen gut vertragen. Diese Leitfähigkeit darf aber nur durch Kalk zustande kommen. Natürlich kann man Orchideen in Styrowoll auch in eine Ruhezeit bringen. Die Styrowoll-Kultur ist etwas für Orchideen mit regelmäßigen Ansprüchen oder einer sehr scharf begrenzten Ruhezeit. Hier gilt das Gegenteil wie bei der Kultur in organischem Substrat: lieber häufiger und viel, als zu wenig giessen.
Düngersalze wirken immer ganz direkt auf die Wurzeln ein. Diesen Effekt kann man gut beobachten, wenn man sich den oberen Teil von Phalaenopsis-Wurzeln ansieht, die von einem engagierten Anfänger in normalem Substrat gepflegt wurden. Die Wurzeln, die oben auf dem Topf liegen, sehen oft bräunlich und verbrannt aus. Die restlichen Wurzeln aus den unteren Bereichen des Topfes sehen hingegen oft einwandfrei aus. Dies liegt an der salzbindenden Wirkung von organischem Substrat. Die Wurzeln werden davon geschützt und vertragen in diesem Medium nur deshalb höhere Salzkonzentrationen. Dort aber, wo der Dünger ohne Substrat auf die Wurzeln wirkt (also oben), verbrennen sie. Das Problem bei Styrowoll ist, dass es hier kein organisches Material gibt, das Salze abfangen kann. Alle Wurzeln werden unvermindert mit der vollen Düngerkonzentration durchdrungen. Deshalb darf man Dünger immer nur mit stark verminderter Konzentration anwenden. Kommen Dünger zum Einsatz, sollte die Salzkonzentration des verwendeten Wasser besonders niedrig sein. In diesem Fall verwende ich als Grundlage reines Regenwasser oder destilliertes Wasser. Diesem Wasser setze ich einen gewöhnlichen Orchideendünger auf Salzbasis zu, der so stark verdünnt wird, das die Leitfähigkeit 200 µS nicht übersteigt. Aufgrund der starken Verdünnung dünge ich während der Wachstumszeit dafür 1-2 mal in der Woche. Die nächste Wassergabe muss wieder mit reinem Wasser erfolgen. Auch hier spielt Styrowoll seine Vorteile aus: Salze lassen sich restlos ausspülen, was bei organischen Substraten nur unvollständig möglich ist. Der Nährstoffstrom sollte also möglichst kontinuierlich geliefert werden.
Mein Fazit
Styrowoll ist etwas für Leute, die ihre Orchideenpflege nach einem Plan ablaufen lassen, nicht für Leute die je nach Zeit die zur Verfügung steht, mal mehr und mal weniger Giessen und Düngen. Organische Substrate verzeihen solche Unregelmäßigkeiten viel eher als Styrowoll.
Weiterführende Literatur
Alle die noch mehr wissen wollen über die Kultur in Styrowoll sollten sich das Buch „Orchideenkultur im Haus“ von Gerhard Bomba (Ulmer Verlag ISBN 3-8001-6680-1) kaufen. Er ist der Erfinder der von mir angewendeten und hier umrissenen Methode. Natürlich geht es in dem Buch um noch mehr als um diese Methode.
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